Generalanzeiger Bonn Online, 30.03.2003

Internationale Demo mit 630 Kriegsgegnern

Menschen vieler Nationen erregen am Samstag in der Bonner Innenstadt großes Aufsehen - "Frieden für Irak und Palästina" gefordert - Rock-Konzert mit Bonner Nachwuchsbands auf dem Markt

Fotos

Von Sascha Stienen

Bonn. Wie einen Umhang trägt Yasmin Shibib die irakische Landesflagge, ein rot-weiß-schwarzes Banner mit drei grünen Sternen. Die Studentin ist eigens aus Bochum angereist, um am Samstag an der internationalen Friedensdemonstration teilzunehmen.

Yasmin berichtet, dass der telefonische Kontakt zu ihrer Familie im Irak abgebrochen ist. Ihr Onkel Bashar Shibib meint: "Bush hat Fieber, und das Fieber heißt Saddam Hussein." Zuerst ist es nur ein Häufchen von Friedensdemonstranten, das sich am Rheinufer unterhalb der Beethovenhalle versammelt hat. Aber es werden schnell mehr.

"Es nützt ja nichts, wenn die Leute im Fernsehsessel sitzen und in sich hinein grummeln", meint Birgit Hensel. Regine Henkel hat ein Banner gebastelt, auf dem unter einer Taube das Wort "Frieden" steht: in deutsch, englisch, lateinisch, arabisch, hebräisch, chinesisch, türkisch und russisch.

Viele Nationen sind auch bei der Demonstration vertreten, die von palästinensischen, kurdischen, griechischen und deutschen Organisationen vorbereitet wurde. "Frieden für Irak und Palästina" lautet das Motto.

Organisator Bernd Klagge vom Arbeitskreis für internationale Solidarität begrüßt die Demonstranten per Megaphon: "Unsere Demo richtet sich gegen die Angriffe der USA und Englands. Wir fordern den sofortigen Stopp der Bombardierung." Die Organisatoren warnen vor einem Übergreifen des Krieges auf die kurdische Bevölkerung im Norden des Iraks und vor Menschenrechtsverletzungen in den Palästinensergebieten, die im Schatten des Krieges zu befürchten seien.

Als sich der Zug Richtung Innenstadt in Bewegung setzt, sind es einige hundert Demonstranten. Viele tragen Antikriegsplakate, Heinz Assenmacher hält ein Schild mit der ironischen Aufschrift "US-Friedenspolitik seit 1945", auf dem er Daten mit militärischen Interventionen aufführt: Vietnam, Chile, Irak, Jugoslawien, Afghanistan, Irak. Assenmacher demonstriert, "damit es in Zukunft nicht noch weitere solcher Kriege gibt".

Über Heerstraße, Maxstraße, Friedensplatz und Münsterplatz zieht die lautstarke Prozession von Kriegsgegnern. Die Polizei zählt am Ende 630 Demonstranten, die in der belebten Innenstadt reichlich Aufsehen erregen. Manche haben "No war"-Plakate auf ihre Regenschirme gespießt, ein Kurde schwenkt eine Fahne mit einem Öcalan-Konterfei, ein Schäferhund trägt statt Halsband ein Palästinensertuch, Tierversuchsgegner halten ein Tuch mit einem Albert-Schweitzer-Zitat.

Unzählige Flugblätter werden verteilt: Ein kleiner Junge steckt Passanten wortlos Zettel zu, auf denen unter der Überschrift "Einkaufen gegen den Irak-Krieg" gut 300 amerikanische Firmen stehen, die man boykottieren solle.

Am Rheinufer unterhalb der Oper endet die Demo mit einer Kundgebung. Die Menge applaudiert den Rednern Monika Morres vom Arbeitskreis für internationale Solidarität, Saad Mahmud vom Palästinensischen Kulturverein, Pavlos Chatziantoniadis von der griechischen Gemeinde und Fatma Ates, Sprecherin der DIDF, einer türkischen Föderation der Arbeitervereine in Deutschland.

Am Nachmittag spielen auf dem Markt vier Bonner Nachwuchs-Bands. Organisator und "Mirrorball"-Sänger Marcel Thiebes berichtet, dass die Idee für das Konzert bei einer Demo acht Tage zuvor geboren wurde.

Den musikalische Protest erleben einige hundert Menschen, überwiegend Jugendliche. Am Rande des Festivals hängen ein paar Leinen mit Protestzetteln, auf denen Sätze stehen wie "Make love, not war".

(30.03.2003)

Flagge zeigen Demonstrationsteilnehmer aus vielen verschiedenen Ländern. Das libanesische Banner lässt ein Mann über den Menschen am Rheinufer wehen. Foto: Frommann

Das Mädchen trägt ein Schild vor dem Bauch, auf dem steht: "Öl ist nicht alles". Foto: Frommann

Zeugnis ablegen: Eine Gruppe von Menschen wünscht auf ihrem Transparent Kurdistan den Frieden. Foto: Frommann

Laut geben: Abends auf dem Bonner Marktplatz spielen vier verschiedene Bands. Foto: Engels