Generalanzeiger Bonn Online, 23.03.2003
Ein Maulkorb für die Oberbürgermeisterin
Kundgebung gegen den Krieg auf dem Bonner Münsterplatz - Polizei schätzt Zahl
der Demonstranten auf 3 000 - Veranstalter sehen "großen Erfolg" - Kritik
wegen offenem Antiamerikanismus
Von Florian Ludwig
Bonn. Münsterplatz, am Samstag: "Ich bin traurig", sagt die 17-jährige
Tina, "traurig, weil ich nicht verstehe, was dieser Krieg bewirken soll. Traurig,
weil es Menschen wie Saddam Hussein gibt. Und traurig, weil die kraftvollen Vereinten
Nationen all das nicht verhindern konnten." Mit diesen Gefühlen ist die Bonner
Schülerin nicht allein in diesen Tagen. Viele sind am Samstagabend zur Demonstration
für den Frieden auf den Münsterplatz gekommen. Laut Veranstalter waren es mehr
als 5 000 Demonstranten. 3 000 Teilnehmer ist die offizielle Schätzung
der Polizei. Voll war es in der Innenstadt allemal.
Gegen den Krieg: Mit einem Marsch durch die Innenstadt setzen die Demonstranten
ein Zeichen für den Frieden. Die Polizei schätzt die Zahl der Teilnehmer auf 3 000.
Fotos: Barbara Frommann
Und laut. Lautstark pfiffen und klatschten die Teilnehmer für das sofortige Ende
der Bombardierungen im Irak - und für das Ende des Krieges. Die Bezirksschülervertretung
und das Bonner Friedensbündnis hatten zu der erneuten Demonstration aufgerufen,
auch um zu zeigen, dass die "Jugend von heute" eben nicht uninteressiert und politikverdrossen
ist. Vor allem Schüler und Studenten erhoben denn auch ihre Stimme bei der Kundgebung
und einem anschließenden Marsch durch die Bonner Innenstadt. Die Polizei bescheinigte
der Veranstaltung im Nachhinein einen ruhigen und friedlichen Verlauf.
Singen für Frieden: Junge Leute protestieren mit der Gitarre gegen den
Krieg.
Auf der kurzen Kundgebung im Schatten des Münsters sprachen der Bonner Bezirksschülersprecher
Thamil Venthan Ananthavinayagan, Jutta Lutz-Kadereit, Lehrerin an der Gesamtschule
Bonn-Beuel, und Bernd Klagge vom Bonner Friedensbündnis. Lutz-Kadereit forderte
vor allem die anwesenden Schüler auf, gegen den Krieg einzutreten. So eine Demonstration
bringe etwas, auch wenn viele das Gegenteil behaupteten. "Es reicht, hier zu stehen
und zu zeigen, »wir wollen keinen Krieg«." Denn Krieg bedeute unendliches Leid
und den Verlust von geliebten Menschen.
Nicht ans Mikrofon durfte Bonns Oberbürgermeisterin. Zwar hatte ihr Büro nach
Angaben der Veranstalter angefragt, ob Bärbel Dieckmann auf der Kundgebung sprechen
dürfe. Es kam aber zu keiner Einigung zwischen der OB und dem Bonner Friedenbündnis:
"Unsere Nachfrage, wie Frau Dieckmann zur Sperrung des deutschen Luftraums für
das US-Militär steht, wurde nicht beantwortet", teilten die Veranstalter mit.
Bernd Klagge vom Bonner Friedensbündnis forderte schließlich in seiner Rede vor
den Demonstranten eine klare Stellungnahme der OB. "Nutzen Sie Ihren Einfluss
im Parteivorstand der SPD und sorgen Sie dafür, dass der deutsche Luftraum für
das US-Militär sofort gesperrt wird", sagte Klagge. Die rot-grüne Regierung sei
außerdem dazu zu bewegen, die AWACS-Flugzeuge aus der Türkei und die ABC-Panzer
aus Kuwait abzuziehen.
Begleitet von der Polizei zogen die Demonstranten nach der Kundgebung zweimal
in einem Rundgang über den Friedensplatz, durch die Sternstraße, vorbei am Rathaus
und wieder zum Münsterplatz. Das Bonner Friedensbündnis und die Bezirksschülervertretung
Bonn werteten anschließend die Demonstration als "großen Erfolg".
Doch nicht jeder war am Samstagabend einverstanden mit der Art und Weise des Protestes
und einigen Demonstranten. Am Rande zeigten sich Besucher bestürzt über den offenen
Antiamerikanismus, der auf einigen der hoch gehaltenen Plakate deutlich wurde.
Mehrere Schilder zeigten beispielsweise die amerikanische Flagge hinter einem
Hakenkreuz. "Wir wollten hier eigentlich mit demonstrieren - friedlich und still
gegen Krieg und Unrecht. Wegen vieler Sprüche auf den Plakaten können wir aber
nicht hier bleiben - sie verhärten nur die Fronten", sagte eine Gruppe von Demonstranten.
(23.03.2003)